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Widele, Wedele

1 way 2 play(ers) 12 folksongs

 

 

 

CD: sdm003 1994

rein HOLD braig

piano, synth, kalimba

Helmut Müller

saxophone

 

Walking (I)
(Auf der schwäbischen Eisenbahn): Da geht etwas los, und zieht, und ist schon ganzschön in Fahrt mit dem Rhythmus, und etwas anderes geht mit, anfangs noch skeptisch, quäkt gegen die Fahrtrichtung, ist auf dem falschen Gleis, bis die Spur gefunden ist von etwas Drittem: freie Bahn für die Improvisation! Dann wird Dampf gemacht, und am Ende, tatsächlich, ist man am Ziel.

So oder jedenfalls so ähnlich muß man sich auch die Geschichte dieser CD vorstellen: Am Anfang war der Auftrag - und das heimliche Zurückzucken, das innere Abwinken der Musiker: Volkslieder (ihhh!) verjazzen (na ja)! Jazz und Volksmusik... Ein echtes Wagnis jedenfalls.

Aber im Ernst: Als das Volkslied ?in Form“ gebracht und aufgeschrieben wurde, war es schon nicht mehr Volkes Lied, es war Kunstform geworden, Partitur. Seine Texte verweisen auf die romantische Liebes- und Naturlyrik, in ihnen spiegelt sich die Behütetheit des biedermeierlichen Refugiums, der vorindustriellen Zeit. Auch der Tod ist von einer gottesfürchtigen Heiterkeit umgeben. Droben stehet die Kapelle, schauet still ins Tal hinab.... Das heute gespielte, ja auch gesungene Volkslied ist immer Zitat, Geschichte.

In dieser Synthese von Jazz und Volksmusik sprechen der Komponist und Keyboarder rein HOLD braig und der Saxophonist Helmut Müller von sich und von den Liedern. Sie bringen ?ihre“ Stimmen ein, und tragen bei zu etwas jeweils Neuem, Anderem. Droben stehet die Kapelle....da wird in den Klängen des Synthesizers die Trauergemeinde sichtbar, der Abschied, der letzte Gang mit den Toten macht die Gefühlsinhalte des Liedes wieder lebendig.

Der Auftrag war also ein Glücksfall: Aus der inneren Opposition gegen das so ganz und gar nicht Zeitgemäße - der Texte zum Beispiel - wurde ein Spiel mit Stimmungen, Klangfarben, Rhythmen, die sich an genau diesen Texten orientieren konnten. Das Ergebnis, die neue musik, ist mehr gespielt als komponiert. - Die produktive Spannung, die sich aus den (ehemals) eingefleischten Hörgewohnheiten der Musiker und der Lust auf das alte Neue ergab, wurde zunächst einmal auf der Bühne des Theaters Lindenhof in Melchingen erprobt - ein sozusagen kongenialer Ort, an dem die Vereinbarung der Widersprüche zwischen ländlicher Idylle und progressiver Kunstausübung schon länger als ein Jahrzehnt vorgeführt wird. Von dort aus gings ins Landesstudio des SWF in Tübingen, wo dieses bearbeitete Liedgut auch ganz gut hinpaßte: im Mundarthörspiel etwa ist der kritische Umgang mit der Tradition auch musikalisch immer wieder präsent.

Und so ist das letzte Stück noch einmal als eine Synthese gedacht: Radio Talk zitiert das Volkslied, den ?Störfaktor Jazz“ und deren mediale Vermittlung (oder Nicht-Vermittlung).

Created by rein HOLD braig ,Sep 98.